#cbg17: Pilot #08 ist gestartet, over…

Am Dienstagmorgen, den 2. Mai, um 10:05 wurde das Carepaket von mir im Hotel Golden Tulip Berlin abgegeben. Vollständig und unversehrt hat es die 650 Kilometer in der Tasche am Bike überstanden. Der Weg mit dem „Gravelbike“ von Frankfurt nach Berlin war ein Abenteuer, aber ein solches sollte es ja auch sein 🙂 Dieser Artikel beschreibt den Start und die erste Nacht.

Treffpunkt für die Candy-Biker, ganz in der Nähe des Luftbrückendenkmals

Am 28. April starte ich von zu Hause aus mit dem Bike zum Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe und überbrücke mit einem Kaffee die Wartezeit auf den IC-2371, der mich bis zum Frankfurter Hauptbahnhof bringen soll. Die Überraschung ist groß, als ich mein mit den Taschen beladenes Bike in den letzten Wagon mit dem Fahrradbereich hieve! Bekannte Gesichter grinsen mir hier entgegen, eines kenne ich schon persönlich, nämlich den Gunnar, den Rest nur aus diversen Internetberichten oder Facebook.

Überraschung im IC. Alles voll mit Candy-Piloten 🙂

Der Harald Legner (ein grandioser Netzwerker) zum Beispiel ist an Bord, der mich im Vorfeld mit seiner Absicht beeindruckt hat, den Candy mit dem Singlespeed zu Fahren. Verrückt, dachte ich, bei dem Profil war mir meine 2×11 Übersetzung schon fast zu knapp. Um es vorweg zu nehmen: Harald war sogar noch vor mir in Berlin. Großer Respekt! In Frankfurt zweiteilt sich unsere Reisegruppe, denn ein Teil bevorzugt die Weiterfahrt bis in die Nähe des Luftbrückendenkmals an der A5 mit der S-Bahn. Ich möchte lieber radeln, vorglühen, gibt es doch sogar einen Track für die Anfahrt zum Treffpunkt am „Terminal-4„. Die Fahrt durch Frankfurts Innenstadt ist bereits das erste Abenteuer. Überall dichter Verkehr, stimmunsgeladene Autofahrer mit wenig Verständnis für Radfahrer. Am Terminal-4 werden wir sehr herzlich von den Mitgliedern des Vereins „Luftbrückenchapter“ empfangen und kostenlos mit einer Knackwurst inklusive Getränk verköstigt. Wahnsinn, was für eine tolle Geste. Die Leute freuen sich einfach über die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit und erklären uns viel hintergründiges zum Luftbrückendenkmal und den beiden dort „archivierten“ Flugzeugen. Keine Frage bleibt unbeantwortet. Gegen 17 Uhr brechen wir zum etwa 800 Meter entfernten Denkmal auf, das unseren Startpunkt in Richtung Berlin markiert.

Großes Getummel am Terminal 4. Ab 16 Uhr treffen immer mehr Candy-Fahrer ein
Das Bärchen hat einen warmen Platz und alles gut im Blick
Kleine Begleiter sind mehrere dabei. Sie leisten auch Nachts gute Gesellschaft 🙂
Hier gibt es auch eine Grundversorgung mit Wurscht und Getränk nach Wahl
ab 17Uhr wird’s ernst. Auf zum Luftbrückendenkmal und Startbilder aufnehmen
So ein Bild ist quasi Pflicht….
Das Luftbrückendenkmal in Frankfurt a.M.
Das gleiche Denkmal findet sich auch in Berlin. Nur ohne die Flugzeuge daneben.

Eine Menge Trubel herrscht hier, Menschen mit Mikrofonen, Kameras und Schaulustige bilden eine beeindruckende Kulisse für unseren Start. Plötzlich ist es kurz vor 18 Uhr, noch schnell ein paar Fotos mit allen, ein paar „offizielle Worte“, Startaufstellung und schon startet die Reise. Anlauf nehmen, abheben, wie im Rausch komme ich mir vor. Endlich geht es los, die Anspannung der letzten Tage löst sich. Das Tempo ist hoch, viel zu hoch eigentlich, aber egal. Irgendwie muss sich das Getummel der 64 gestarteten Biker erstmal auflösen.

Die Route führt zunächst in südliche Richtung, um Darmstadt zu umfahren. Warum der Flugkorridor für die Rosinenbomber genau so verlief, habe ich vergessen zu fragen. Vielleicht hatte es thermische Gründe, oder die Gegebenheiten gaben es einfach nicht anders her. Auf jeden Fall bewegen wir uns bis Berlin exakt in dem nur 13 Kilometer breiten Streifen, den die Flieger nie verlassen durften. Ansonsten waren die Russischen Abfangjäger sofort zur Stelle. Wenn ich mir die fliegerische Leistung der Piloten vorstelle, jagt es mir Gänseschauer über den Rücken. Anfangs flogen sie ohne Radar und orientierten sich ausschließlich an den landschaftlichen Fixpunkten, die uns die nächsten Stunden auch ordentlich in Schweiß bringen werden. Erst später waren die Maschinen mit Radar ausgestattet.

22kg wiegt mein Gravelbike inkl. Verpflegung und 1,3l Getränk
Auf geht’s zum Flug nach Berlin….

Wir benutzen ein GPS, den Track hat jeder Candy-Pilot zuvor per Mail inklusive wertvoller „Points of Verpflegung“ 🙂 bekommen. Supermärkte, Tankstellen mit 24h Service und auch auch ein paar Schutzhütten waren dabei. An dieser Stelle schon mal ein ganz großes Dankeschön und Lob an die Streckenscouts, die all dies im Vorfeld ausgekundschaftet haben. Auch nach 20 zurückgelegten Kilometern hat das Ganze etwas von einem Radmarathon. Vor und hinter mir sind überall Bikepiloten erkennbar. Mit einsetzender Dämmerung ändert sich das ein wenig. Nicht nur die Sicht wird schlechter, auch die Abstände zu anderen Piloten vergrößern sich. Außerdem verhindert die Landschaft inzwischen auch Fernblicke. Zu ein paar bekannten Gesichtern halte ich Kontakt und freue mich über kleine Unterhaltungen. Plötzliche ist ein paar Meter voraus im Dickicht eine kleine Gruppe erkennbar, die offenbar eine Panne zu beheben versucht.

Ein kleiner Vorgeschmack der Wege

Beim genauen Hinschauen offenbart sich dann das Schicksal eines Piloten: Schaltwerksabriss. Worst case, schlimmer ist eigentlich nur noch ein Rahmenbruch. Später erfahre ich, dass der Pechvogel einfach auf singlespeed umgerüstet hat und die Reise fortführt. Wow, also noch einer mit singlespeed! Unglaublich. Für den ersten Streckenabschnitt hatte ich mir etwa 60-80 Kilometer ausgerechnet. Auf jeden Fall wollte ich vor der ersten Übernachtung noch den Main überqueren.

Nachts auf der Mainbrücke

Unverhofft tauchte die Bücke über den Fluss im Lichtkegel auf. Kurzer Check der Körperteile: Alles im grünen Bereich, es geht noch ein Stück. Ein Blick auf die Uhr zeigt: noch eine Stunde bis Mitternacht. Aus den vorausgegangenen Gesprächen habe ich entnommen, dass nicht Wenige der Piloten planen, die erste Nacht einfach durch zu fahren. Für mich ist das keine Option, etwas Erholung möchte ich meinem Körper schon gönnen, schließlich habe ich über solche Distanzen überhaupt keine Erfahrung. Vom Studium des GPS-tracks weiß ich, dass ab Michelbach ein ziemlich steiler Anstieg kommt. Und der hat es dann tatsächlich in sich, weil Weinberg! Wer Weinberge kennt, hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie schräg es hier ist. Mit langgestreckten Armen, gefühlt schleift der Bauch auf dem Boden, wuchte ich mein Rad nach oben. Aber jede Verschnaufpause ist dafür ein Erlebnis, denn der Blick zurück auf den beleuchteten Ort unten im Tal ist der Hammer. Ebenso die kleine Lichterschlange von den folgenden Fahrern. Ein grandioses Panorama, dass ich in Folge akuten Sauerstoffmangels leider nicht auf meine Kammerachip bannen kann. Auf 300 Metern Höhe bietet sich die Top-Gelegenheit für ein Biwak. Mit Aussicht vom Feinsten! Hm, soll ich hier bleiben? Das Grüppchen, dem ich mich angeschlossen habe, will noch weiter. Von einer Hütte ist die Rede, von wegen des angekündigten Schauers eigentlich keine schlechte Idee. Also fahre ich weiter. Das nächste Shelter ist bereits voll belegt. Schade, hätte gut gepasst. Gegen 1.30 Uhr erreichen wie schließlich eine weitere Hütte, unter der wir uns ausbreiten. Alle passen wir aber nicht unters Dach. Da ich ein Zelt im Gepäck habe, nutze ich das auch. Es steht gerade so, als ein kurzer Schauer durchzieht. Um 2:05Uhr schaue ich ein letztes Mal auf die Uhr. Der Schlafsack ist kaum zugezogen, da bin ich schon in Schlummerland…

Morgens gegen 6 Uhr
Gute Laune am frühen Morgen, noch ohne Frühstück unterwegs

Aufstehen um 6 Uhr, alles zusammenpacken (Schade, alles irgendwie feucht) und los geht die Fahrt. Erstmal ohne Kaffee und Snack. Es ist saukalt, irgendwo im einstelligen Temperaturbereich. Zum Glück aber scheint es ein sonniger Tag zu werden und etwa 15 Kilometer nach dem Biwakplatz taucht eine Bäckerei auf. Kaffee, Semmeln, Hefeteilchen, noch ein Kaffee, alles wunderbar. Streuselkuchen wie von Oma. Das alles macht munter und fit für den Tag. Vor uns stellt sich der Spessart auf, mit seinen nicht unerheblichen Hügeln. Ein ordentliches Vorankommen will sich erstmal nicht einstellen, der Track hat stellenweise Anleihen bei einer Mountainbike-Strecke genommen. Schön ist er, aber mit dem beladenen Rad ist es schon eine Herausforderung…..Fortsetzung folgt 🙂

Aber hier noch ein paar Bilder:

 

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11 Thoughts to “#cbg17: Pilot #08 ist gestartet, over…”

  1. Hallo Mario,
    habe mich schon gefragt, ob, wann und wo ich Dich wieder einmal treffe – schön, dass Du dich auch in der Literaten-Ecke herumtreibst. War mir ein wirklich sehr, sehr großes Vergnügen, mit Dir die Strecke gemeinsam zu fahren, auch wenn ich es am Schluss ein klein wenig eiliger gehabt habe …
    Vielleicht wird das ja was mit der documenta? Oder sonst wo …
    Bin gespannt auf die Fortsetzung,
    Jochen

    1. Mario Schön

      Moin Jochen, Teil 2 ist eben online gegangen 🙂
      Die Dokumenta wäre ein cooles Ziel und Overnighter-Spots kenne ich genug in/um Kassel 😉

      1. Dieter Helbing

        Wenn es terminlich passt bin ich natürlich auch dabei… such uns mal nen schönen Spot
        Gruß
        Dieter

  2. Hallo Mario, Deinen Blog hatte ich früher schon mal entdeckt, aber mir war nicht klar, dass Du das bist, als ich Dich um die Schokolade am Lenker beneidet habe. Danke für Deinen Blick auf den Candy und bitte ja, lass die Tastatur glühen, ich bin im Kopf nochmal dabei … lieben Gruß! Eva

    1. Mario Schön

      Hi Eva, du warst einfach zu schnell 🙂 Ansonsten hättest du noch einen Blick in das Ortlieb Accessory Pack werfen können: Ein 200gr Tafel Kaffee-Sahne Schoki….die ist Kult bei den overnightern mit meinen Kasseler Freunden 🙂 Hat mich gefreut, dich kurz kennengelernt zu haben. Vielleicht trifft man sich mal wieder unterwegs.
      LG
      DerMario

  3. Harald Legner

    Ich darf sowas gar nicht lesen – ich könnte gleich wieder los.
    Schöne Schreibe, Mario, danke! 🙂

    1. Mario Schön

      Auch danke Harald 🙂 Wie gesagt, Teil 2 ist online und dazu auch noch ein paar Bilder…

  4. Signe

    Ich kann mich dem Thomas nur anschließen. Freue mich schon auf Teil 2 🙂 …wie immer top geschrieben.

    1. Mario Schön

      🙂 Die Tastatur glüht schon wieder 😉

  5. Thomas

    Knaller. Bin gespannt auf den nächsten Teil…
    Was genau war denn Euer in Berlin abzulieferndes Care Paket?

    1. Mario Schön

      Hi Thomas, es gab von der „Arche“ eine Wunschliste für die Kinder. Diese wurde online gestellt und jeder Fahrer konnte sich daraus etwas aussuchen. Es waren aber alles Artikel, die einigermaßen gut am Bike zu transportieren waren. Uno-Spiele, In-Ear-Kopfhörer, stylische Turnbeutel, kleine Bausteine….sind Beispiele. Die Arche ist ein christliches „Kinderhilfsprojekt“, http://www.kinderprojekt-arche.eu/
      Für den Transport hat Ortlieb extra 3l-Transportbeutel bedruckt! Siehst du irgendwo in den Bildern. Den Beutel hat jeder Candyfahrer bekommen und durfte ihn auch als Andenken behalten.

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