Ich bin Titanisiert

Lange, richtig lange habe ich mit meiner Wahl für ein neues Mountainbike gekämpft. Im September fiel dann die Entscheidung, geliefert wurde im Oktober und die erste Testfahrt fand im November statt. Was war an der Entscheidung jetzt so schwierig?
Die allererste Frage war, ob ich Federung vorn UND hinten benötige. Relativ schnell habe ich die Antwort darauf gefunden: Nur vorne soll eine Federgabel arbeiten. Die Pflege und Wartung eines „Fullys“ steht in keinem Verhältnis zum Nutzen und der Bikepark ist sowieso nicht mein bevorzugtes Revier. So weit so gut, aber welche Geometrie ist dann wohl die Richtige für mich? Eher sportlich, in Richtung Marathon? Ist das dann auch Bikepacking-tauglich? Oder eher Trail-lastig, funktioniert das mit Bikepacking-Ausrüstung? Und mit welcher Übersetzung will, oder besser, kann ich das Bike fahren? 1-fach, 2-fach? 27,5 oder 29 Zoll? Eine Plus-Bereifung sollte es auf jeden Fall sein, da war ich mir zumindest 100prozentig sicher! Die Antworten, das lässt sich erahnen, sind ebenso vielfältig wie die Fragen selbst. Und dann, eines Tages, es war die Liebe auf den ersten Blick. Da habe ich es gesehen 🙂 Immer wieder angeschaut, verglichen, abgewogen. Aber im Grunde war ich mir schon längst sicher…

Liebe auf den ersten Blick!

Jetzt habe ich den Bogen ganz schön weit gespannt und was isses nun geworden?
Ein Sonder Signal Ti !
Jap, genau, richtig gehört. Ein Sonder-Bike 🙂 
Die Gesichter derjenigen, denen ich davon erzähle, sind immer die selben. Wat? Sonder? Was’n das jetzt? Ein no-name Hardtail? Und warum ist das so toll?

Ein paar Fakten zu den Sonder Bikes von Alpkit in UK: 

Alpkit ist ein outdoor-Ausstatter in Großbritannien, der außerdem ein großes Sortiment an Bikepacking-Equipment führt. Zusätzlich bietet Alpkit auch unterschiedliche Bikes unter dem Namen „Sonder“ an. Seit diesem Jahr auch einen Titanrahmen für 29plus-Bereifung. Beworben wird dieses als „Trailbike“ mit viel Spaß auf abwärtslastigen Strecken. Dafür spricht sowohl der flache Lenkwinkel von 66° und das stark abfallende Oberrohr (Sitzwinkel 74°). Die Federgabel kann wahlweise eine Revelation oder Pike mit 130mm Federweg sein. Überhaupt sind viele Dinge nach persönlichen Wünschen konfigurierbar. Absenkbare Sattelstütze, die Übersetzung mit 1×12 oder 1×11 von Sram, die Bremsen alle von Sram, aber unterschiedliche Modelle. Die Laufräder, der Vorbau, der Lenker sowie die Standard-Sattelstütze stammen von der Eigenmarke „Love-Mud“. Meine Entscheidung fiel auf die günstigste Variante des Komplett-Bikes, wobei auch nur ein Rahmenkit erhältlich ist.
Meine Ausstattung besteht aus der RockShox Revelation (130mm) Federgabel, NX-Kurbeln mit 30er Kettenblatt und hinten einer Übersetzung mit 11-42. Als Bremse ist eine SRAM-Level 160/180mm Scheiben verbaut. Der Titan-Rohrsatz besteht aus 3Al/2.5V Titan (für die Maschinenbauer: 860 MPa Zugfestigkeit, E-Modul 100 GPa, 2,5-3,5% Al, 2-3% V, Rest Titan). Vom Oberfächenfinish des Titan bin ich total angefixt. Die Schweißnähte machen einen sauberen Eindruck und lassen optisch keine Makel erkennen. Bezüglich der Fertigung des Rahmens habe ich noch keine zusätzlichen Recherchen betrieben, aber auf der Homepage findet sich der Hinweis, dass Sonder im eigenen Land fertigt. Mit von Cytech qualifiziertem Personal. Das klingt erstmal gut. Immerhin gibt es auf Titanrahmen 10 Jahre Garantie.
Das einzige Problem bei der Bestellung eines Bikes im Ausland ist, dass man es nicht Probe fahren kann. Es bleibt also nur der zahlenmäßige Vergleich der Geometriedaten und die Übermittlung der Körpermaße an den Hersteller. Lediglich seiner Empfehlung zu vertrauen, ist mir allerdings auch zu wenig. Deshalb habe ich mich nach Bikes mit möglichst ähnlicher Geometrie umgeschaut und auch das ein oder andere mal gefahren. Allerdings waren das meist 27,5 Zoll Bikes. Dazu gehörten das Santa Cruz Chameleon , das Ghost Roket, und ganz ober auf der Liste ein Liteville H3-Mk2 (nicht zuletzt, weil es das auch in Raw, also Alu gebürstet gibt. Genial, wie ich finde). Auch interessant ist von Salsa das Timberjack.  Mit dem Krampus bietet noch Surly ein 29Plus-Bike an. 

Probefahren konnte ich das Roket (allerdings in Größe L) und das Liteville H3. Das Liteville zu fahren, war schon wirklich super! Eine rundherum erlesene Ausstattung, die allerdings auch ihren Preis hat. Und den war ich am Ende nicht bereit zu zahlen, zumal noch eine Besonderheit hinzu kommt: Die Achsbreite des Hinterrades nennt sich EVO6-Achsstandard, wobei hier von Standard im eigentlichen Sinne keine Rede sein kann. Der asymmetrische Hinterbau ermöglicht ein symmetrisch eingespeichtes Hinterrad, was einen beliebigen Laufradsatz von der Stange unmöglich macht (bzw. Bastelei mit Adaptern). Klar, alles sehr durchdacht, aber was nützt mir das auf Reisen, wenn ich einen Defekt an der Nabe habe? 
Aber mit dem Sonder Signal Ti habe ich ein Bike, dass den Fahreigenschaften eines Liteville kaum nachsteht. Trotz seiner bergab lastigen Geometrie lässt es sich auch prima in der Ebene oder bergauf fahren. Nicht zuletzt durch den ultra kurzen Vorbau ist natürlich in steileren Abschnitten deutlich früher eine Gewichtsverlagerung nach vorn notwendig, um das Vorderrad auf dem Boden zu halten. Dafür ist der Spaß bergab im Trail aber unglaublich groß! Wenn mich jemand fragen würde, was der größte Kompromiss am Bike wäre, dann wäre meine Antwort: Die Bremse! Ich glaube, die Level ist das Erste, was ausgetauscht wird. Ich bin wirklich nicht verwöhnt, was Bremswirkung betrifft, aber im Vergleich zu den Shimano XT Scheibenbremsen hinken diese Modelle von Sram doch deutlich hinterher, sind eigentlich kein Vergleich. Außerdem werden die Level auch noch mit Bremsflüssigkeit betrieben, was ich besonders nervig finde.
Achja, die Reifen: Diese sind unverkennbar von WTB und bislang über jeden Zweifel erhaben. Die Schläuche habe ich entfernt, die Umrüstung funktionierte relativ gut. Relativ nur, weil die Reifen einfach nur brutal fest auf der Felge sitzen! Vorne ist ein WTB Vigilante 2.6 Light High Grip und hinten ein WTB Trail Boss 2.6 Tough Fast Rolling verbaut. 

Ich bin gespannt, wie sich das Signal Ti in Zukunft schlägt und eventuell gibt es noch etwas mehr zum Bike zu berichten.

 

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10 Thoughts to “Ich bin Titanisiert”

  1. Maik

    Hallo Mario,

    es ist echt schwer, ohne eine Probefahrt eine Entscheidung zu treffen. Wie würdest Du Signal TI und Broken Road TI vergleichen? Wie stehst Du zu einer Dropbar Geometrie und einem Dropbar Lenker, z.B. beim Salsa Fargo? Warum ein Hardtail und kein Fully? Wie stehst Du zu gefederten Sattelstützen?
    Kannst Du Dir ein Hardtail aus der Titan Reihe mit Gepäckträger und leichten Ortliebs für eine Transalp vorstellen?

    Liebe Grüße von Maik

    1. Mario Schön

      Moin Maik,
      das sind tatsächlich keine einfachen Fragen, die du da stellst.
      Aber ich versuch’s mal, mit brauchbaren Antworten:
      – Der Unterschied zwischen den beiden Modellen „Broken Road“ und „Signal“ besteht ja in den Rahmengeometrien. Das Broken Road schätze ich ein wenig bequemer und deshalb auch tourentauglicher ein. Wahrscheinlich wirst du damit auch etwas mehr speed in der Ebene aufnehmen können. Da ist das Signal eher träge und wirklich abwärtslastig gebaut. Anstiege klettern geht zwar, ist aber nicht so richtig spaßig. In Trails wird das Signal die Nase vor dem Broken Road haben.
      – Einen Dropbar-Lenker kann ich mir, wenn überhaupt, nur am Broken Road vorstellen. Das Salsa Fargo ist ein schon länger erprobtes Bikepacking-taugliches Rad mit Dropbar. Gefahren bin ich es aber auch noch nie! Mir war’s zu teuer mit der verhältnismäßig „billigen“ Ausstattung. Wäre aber für längere Touren mit Gepäck wohl die bessere Wahl.
      – Ein Fully hatte ich ausgeschlossen, um mich nicht ewig mit der aufwändigen Wartung der Lager beschäftigen zu müssen. Das hat mich genervt.
      – Gefederten Sattelstützen sind eine Alternative und machen lange Strecken etwas angenehmer. Ich kenne Leute, die damit sehr glücklich sind. Vielleicht baue ich mir auch noch eine in das Signal-Ti ein 🙂
      – Für einen Alpencross kann ich mir das Sonder Broken Road sehr gut vorstellen, keine Frage. Allerdings ist ein Gepäckträger beim Alpencross nicht meine erste Wahl. Da bevorzuge ich eine Seatpack und Rucksack! Es kommt aber auf den Streckenlauf an. Wenn du keine Schiebe-/Tragepassagen dabei hast, wird ein Gepäckträger auch funktionieren. Wenn ich das Bike mal schleppen muss, finde ich den Rucksack als Ablage fürs Bike und Tragehilfe sehr praktisch!

      Ob ich dir bei einer Entscheidung damit helfen kann??
      Viele Grüße
      Mario

      1. Maik

        Hallo Mario,

        danke für Deine Tipps, die helfen mir sehr! Leider wird wohl einfach nur eine Probefahrt eine Entscheidungshilfe bringen. Ich schwanke zwischen Sonder Broken Road, Trek 920, Salsa Fargo, Cube Kathmandu und Stevens 8 X Lite. Alles fantastische Räder, die die Auswahl nicht einfacher machen.

        Viele Grüße von Maik

  2. Christine

    Danke, alles klar 🙂

  3. Christine

    Sehr schöner Bericht. Danke dafür.
    Ich überlege auch, eines zu kaufen. Wie fährt es sich denn? Wie komfortabel ist es?
    Freue mich über eine Antwort,
    Viele Grüße
    Christine

    1. Mario Schön

      Hallo Christine, das Bike fährt sich super! Es kommt jetzt aber auch ein wenig darauf an, für welchen Einsatzzweck du ein neues Bike suchst. Das Signal ti ist recht sportlich gebaut und macht abwärts so richtig viel Spaß. Fürs Bikepacking ist es nicht unbedingt die erste Wahl, was aber nicht bedeutet, dass es dafür nicht taugt. Die Geometrie dieses Rahmens ist nicht unbedingt auf Komfort ausgelegt, sondern für Trails, die auch ruhig mal ruppig sein können. Wenn du eine Rahmentasche befestigen willst, ist der zur Verfügung stehende Platz im Rahmendreieck knapp bemessen.
      Die Qualität des Rahmens ist super, die Schweißnähte sind sehr sauber ausgeführt. Auch die innen verlegten Züge sind prima umgesetzt. Die Laufräder sind relativ schwer, aber dafür super stabil. Die Bremsen haben ich gegen Shimano XT getauscht.
      Fazit: Das Bike macht auf Trails einfach nur Spaß und lässt sich auch bergauf auch sehr gut fahren. Für richtig lange Bikepackingtouren ist die Geometrie nicht die erste Wahl. Overnighter oder Wochenendtouren sind kein Problem.

      Ich hoffe, dass ich mit diesen Aussagen etwas weiter helfen konnte.
      Viele Grüße
      Mario

      1. Christine

        Hi Mario,
        Vielen Dank für deine Antwort.
        Ich suche ein Hardtail Trailbike, das auf flachen, wurzligen Waldtrails Spaß macht. Mit Komfort meinte ich eher den Rahmenflex. Über Titanrahmen liest man ja, dass sie viel komfortabler zu fahren seien als z.B. Alu-Rahmen. Da mir Aluhardtails deutlich zu steif und umkomfortabel sind, und ich noch nie einen Titanrahmen gefahren bin, würde mich interessieren, wie du den Rahmenflex beim Sonder Signal einschätzt? Hast du den Eindruck, dass der Rahmen etwas nachgibt, wenn du über Wurzeln und Steine fährst, oder ist es ein klassisches Hardtail, bei dem man jede Wurzel deutlich spürt?
        Viele Grüße
        Christine

        1. Mario Schön

          Also da kann ich auf jeden Fall den Ruf des Titans bestätigen. Der Rahmen fährt sich nach meinem Empfinden spürbar komfortabler, als mein ehemaliges Alu–Hardtail.
          Den tatsächlichen Flex habe ich erst vor kurzem durch mein relativ knapp über dem Hinterrad positioniertes Schutzblech bemerkt, als dieses gelegentlich bei Bodenwellen am Reifen schabte…

  4. Wow, sehr schön!
    Und das Preis-/Leistungsverhältnis ist bei Sonder ja grandios! Ein Titanhobel für den Preis! Unglaublich!
    Ich wünsche Dir viel Spaß damit!
    Viele Grüße aus Duisburg,
    Markus

    1. Mario Schön

      Hi Markus, danke für den Spaß, ich bin sehr zuversichtlich 😄
      Das Preis- Leistungsverhältnis passt wirklich. Bei anderen Herstellern bekommt man für den Preis des Signal Ti lediglich ein Rahmenset! Es lohnt also, auch mal den Blick über den Tellerrand hinaus schweifen zu lassen.
      Viele Grüße
      DerMario

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