Heiliger BimBam oder der #HolyGravel 2020

Mit dem HolyGravel 2019 hatte ich noch eine offene Rechnung zu begleichen. Letztes Jahr im November, über Allerheiligen, startete ich bei seiner ersten Auflage. Die Bedingungen waren Jahreszeit bedingt eher unfreundlich. Kurze Tage, wenig Licht, viel Nässe, schlecht gelaunte Menschen. Das sind für mich die charakteristischen Eigenschaften des Novembers. Diesen wollte ich trotzen und musste mich dann in Eckernförde doch geschlagen geben. Für dieses Jahr hat der Organisator des HolyGravels mit dem August einen Sommermonat ausgewählt. Allerdings an einem Termin, der für mich persönlich nicht passte. Deshalb startete ich einfach Anfang Juni auf dem bekannten Track, nur in umgekehrter Richtung. Und nicht alleine, sondern in bester Begleitung von Hansi und Dirk. Unser Dreiergespann hat sich schon auf anderen Touren hervorragend bewährt. Am späten Abend des 10. Juni waren wir fertig für den Start in ein neues Bikepacking-Abenteuer

Am Bahnhof Wilhelmshöhe warten wir auf den ICE nach Hamburg

Mittwochabend wanderte der Blick aus dem heimischen Küchenfenster, der Himmel war dunkelgrau, leichte Schauerstimmung. Um nicht schon auf der Anreise komplett nass zu werden, startete ich mit einem großzügigem Zeitpuffer von der eigenen Haustür aus zum ICE-Bahnhof in Kassel. Wolkenhobbing nenne ich das immer, wenn ich versuche, zwischen den Niederschlagsgebieten der Wetterapp hindurch zu navigieren. Die gleiche Idee hatte auch Hansi. Selbst Dirk, der den Tag über noch arbeiten musste, traf nur kurz nach uns ein. Der ICE beförderte uns innerhalb von nur etwas über zwei Stunden bis zum Hamburger Hauptbahnhof. In der Stadt war abends um halb zehn erstaunlich wenig los. So konnten wir ziemlich entspannt zum eigentlichen Holy-Startpunkt am Bismarckstein bei Blankenese rollen. Ab hier folgten wir dem bekannten Track aus 2019. Etwa 50 Kilometer wollten wir noch fahren, checkten aber bei Kilometer 15 schon mal einen Schuppen am Wegesrand auf Tauglichkeit zur Übernachtung. Denn penetranter Nieselregen hatte eingesetzt. Ein nicht zu bändigender Bewegungsmelder im inneren des Schuppens vereitelte unseren Plan, so dass wir doch noch weiterfuhren. In einem Wäldchen und einer kurzen Regenpause fanden wir schließlich einen prima Lagerplatz für unsere Zelte. Inklusive der Anfahrt vom Bahnhof zeigte das GPS exakt 51 Kilometer. Ha, Punktlandung 🙂

Waren es die frühen Vögel, oder das Dröhnen eines passierenden Harvesters, dass uns weckte? Wir blieben jedenfalls unentdeckt und befanden uns auch nicht in kritischem Revier dieser Monstermaschine. In der Nacht hatte es noch heftig geregnet, sodass wir die Zelte klatschnass verpacken mussten. Unser Track führte streng nach Norden, auf sehr abwechslungsreichen Strecken. Eines der durchquerten „Gehege“ nannte sich gar Himmelreich. Aber so fühlten wir uns zeitweise auch auf den flowigen Trails. Die schwere Fuhre aus Stahlross und Gepäck bremste schon ein wenig das Tempo, so richtig Kilometer fressen war nicht. Aber das kannte ich ja auch schon von meinem ersten Versuch, als ich ziemlich erstaunt über den hohen Trailanteil und die vielen Buckel im hohen Norden war. Nach 128 Kilometern und siebeneinhalb Sattelstunden hatten wir genug für diesen Tag. Der „Naturist Camping“ am Flemhuder See zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Was wir allerdings nicht wussten: Naturist bezog sich nicht etwa auf die natürliche Umgebung, sondern es war ein FKK-Campingplatz 🙂 Etwa 20:30 Uhr standen wir dort zunächst vor einem verschlossenen Tor. Auf unser Klingelzeichen hin kam tatsächlich ein Herr, der uns für ziemlich viel Bares ein Plätzchen anbot. Für den Betrag waren wir aber zu geizig -FKK wollten wir auch nicht- und bevorzugten einmal mehr einen getarnten, freien Platz unserer Wahl. Erneut regnete es in der Nacht.

Der 12. Juni, ein Freitag, startete äußerst trübe. War es tatsächlich schon Morgen? Die Sicht noch sehr bescheiden, kochten wir uns zum Start in den Tag ein kleines Frühstück und Kaffee. Der HolyGravel scheint irgendwie verhext zu sein, verdammt zu schlechtem Wetter! Unser Plan für diesen Tag sah vor, bis kurz vor Fehmarn zu kommen, wo von Dirk ein Arbeitskollege (Kevin) in einem Wohnwagen campierte und mit gut gefülltem Kühlschrank auf uns wartete. Natürlich hatten wir nicht die Tücken des Tracks im Blick, der heute auch mit dem höchsten Punkt der Strecke auf uns wartete. Mit 130 Metern nicht mal so hoch, wie mein zu Hause! Aber verdammt, das war irgendwie anstrengend! In Eckernförde gab’s im Hafen für jeden erstmal zwei Fischbrötchen. Mit dieser Ration schafften wir es immerhin bis Kiel, zu den nächsten Fischbrötchen. Mit fortschreitender Zeit und theoretisch sinkender Sonne, die wir ja nur erahnen konnten, entfernte sich auch unser angestrebtes Ziel: Kevin und sein Kühlschrank. Am Campingplatz Dobersdorfer See wurden wir als Zeltcamper abgewiesen. Corona-bedingt durften hier nur Wohnwagen und Wohnmobilisten campieren. Hmm, damit wurde mir dieser Volksstamm mit seinen mobilen Luxusheimen direkt unsympathisch. Nicht einmal die Duschen durften wir nutzen, alles war gesperrt. Dafür haben wir dann eben den See mit unserem Körperdreck kontaminiert. Wenn dort nun die Fische sterben, war das nicht unsere Schuld 😉 Irgendwo zwischen dem Passader- und dem Selenter See schlugen wir gut getarnt und unauffällig unser Camp auf. Im Schlafsack checkte ich noch eben facebook und empfing eine Besorgnis erregende Nachricht von Harald. Der NDR hatte eine Unwetterwarnung für den Norden von Schleswig-Holstein ausgegeben. Echt jetzt? Seltsam, wir hatten kaum über 15°C und nur bewölkten Himmel. Wie sollten sich da Gewitter bilden? Bei den Gedanken darüber wäre ich beinah eingeschlafen, hätte nicht eine Horde Rehe und ein sich stark fühlender Rehbock unser Camp besucht. Mann, Mann, so ein Gebrüll hatte noch keiner von uns zuvor gehört. Der Bock muss direkt zwischen unseren Zelten gestanden haben und wir standen auch sprichwörtlich senkrecht 🙂

Am Samstagmorgen war die Welt zunächst noch in Ordnung. Porridge, Kaffee, schöner Wald, alles wunderbar. Aber dann plötzlich einsetzender Regen und wenige Minuten später das erste Donnergrollen. Auweia, im dichten Wald war natürlich keine Sicht zum Himmel. Das Einpacken der Klamotten ging dann jedenfalls recht zügig und als wir aus dem Wald hinaus fuhren, war die Welt um uns herum in Einheitsgrau gehüllt. Naja, es gab Ecken, da war das Grau schon etwas grauer, aber anhalten wollten wir deshalb noch nicht. Bis der Regen urplötzlich stärker wurde und die Blitze durchs Grau schlugen. Da herrschte Alarmstimmung. Auf dem Navi war ein Bauernhof in etwa einem Kilometer Entfernung zu sehen. Nichts wie hin und ein Überdach suchen. Das fanden wir dann auch sehr schnell und gerade so rechtzeitig, bevor sich das Unwetter mit voller Kraft über uns entfaltete. Etwa eine Stunde harrten wir hier mit zwei Hände voll Katzen aus und als der Regen etwas nach lies, bekamen wir von der Hofbesitzerin sogar frischen Kaffee gereicht. Der Spuk schien vorüber und wir starteten wieder frohen Mutes. Nach etwas über 60 Kilometer erreichten wir fast trocken Heiligenhafen. Erneut einsetzender Starkregen, einen Unterschlupf zu finden, schafften wir nicht mehr. Das Unwetter war noch lange nicht vorüber. Deshalb reifte nach und nach in uns der Entschluss, hier erstmal bis in die Abendstunden zu bleiben. Die Aussichten waren so bescheiden, dass weiterfahren vollkommen unsinnig erschien. Die Suche einer Bleibe für uns drei war nicht ganz einfach, aber schließlich konnten wir im „Seestern“ Quartier beziehen, Duschen und unsere Ausrüstung trocknen. Abendessen im Restaurant war nicht möglich, alles reserviert. Zum Glück gab’s einen Supermarkt gleich um die Ecke und unsere Versorgung somit gesichert.

Beim Sonntags-Frühstück sinnierten wir über den halben, verlorenen Tag. Fehmarn aufgeben? Nee, keine Option, das war ja für Hansi und mich, die wir noch nie einen Fuß auf diese Insel gestellt hatten, die Attraktion schlechthin. Der Kompromiss bestand aus einer Minirunde über die Insel: Also auf die komplette Umrundung zu verzichten und stattdessen über Strukkamp nur rüber nach Wulfen zu radeln um die Fehmarn dann wieder zu verlassen. Ab Höhe Großenbrode hieß es dann, verlorene Zeit wieder reinzufahren. Dabei unterstützte uns ein mächtiger Gehilfe: Der Wind. Teilweise konnten wir direkt an der Küste entspannt ein 30er Tempo fahren, ohne uns großartig anzustrengen. Wären da nicht die vielen Touristen gewesen. Dahme, Grömitz, alles voller Menschen. Corona? Schien vorbei, nix mehr. Keine Mindestabstände, einfach nur überall Menschen. Und Hunde! Besonders toll, Hunde an diesen superlangen Schnapperleinen. Großes Kino für Radfahrer! Die Hundescheiße unter meinem Schuh hätte auch nicht sein müssen. Den Trackabschnitt direkt am Strand schenkten wir uns. Diesen Teil überbrückten wir stattdessen lieber auf Radwegen. Lübeck ließen wir rechts liegen und hatten nun den Ratzeburger See im Visier. Hier gab’s im Bratkartoffelhäuschen in Pogeez gerade noch vor Feierabend ein schmackhaftes Abendessen. Frikadelle und Currywurscht mit Pommes. Sehr freundliche Bedienung übrigens!

Im Küchensee nahmen wir mit der untergehenden Sonne noch ein erfrischendes Bad. Uns standen nun zwei Optionen zur Verfügung: Irgendwo bald einen schönen Biwakplatz suchen, oder die Nacht durch, bis Hamburg fahren. Da wir aber schon 170 Kilometer in den Beinen bzw. auf dem Hintern hatten, fiel die Wahl relativ leicht. Ein Platz im Wald war schnell gefunden.

Montagmorgen, es war schon sehr idyllisch, als die Sonne durch die Bäume auf die Zelte schielte. Am liebsten hätte ich hier noch drei Kaffee getrunken, aber leider hatten wir ja den Zug ab Hamburg gebucht. Und weil die Zeit etwas drängte, entschieden wir uns in Mölln, den #HolyGravel -Track zu verlassen, um den Bahnhof in Büchen anzusteuern. Von dort aus waren wir nach einer halben Stunde in Hamburg. An diesem Tag haben wir auf dem Rad zwar nur etwas über 30 Kilometer gesammelt, aber dennoch auch echt schöne Streckenabschnitte kennengelernt, die das Garmin GPS mit Hilfe der open-mtb-map für uns zusammengestellt hatte.

Den Abschluss unseres Abenteuers genossen wir im Kaffee auf dem Entenwerder, dort wo im letzten Jahr der #HolyGravel gestartet wurde. Der Track ist zwar nicht ganz „Kodex“-konform beendet worden, meine Rechnung jedoch beglichen. Ich bin zufrieden und meine Begleiter sind es auch.

Dirk hat während unserer Fahrt wieder ein Video mit dem smartphone aufgenommen, das ich hier gleich mal verlinke:

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6 Thoughts to “Heiliger BimBam oder der #HolyGravel 2020”

  1. Markus Sennhenn

    Ahoi Mario,
    ein wunderbarer Bericht und eine tolle Tour für euch. Es ist immer wieder schön bei Dir reinzulesen. Das Gebiet am Ratzeburger See habe ich auch unter die Räder genommen und bin begeistert. Ich wünsche Dir noch ein paar klasse Bikereien in diesem Jahr….viele Grüße auch an Dirk

    Vom Markus

    1. Mario Schön

      Hey Markus, Dankeschön und die Grüße gebe ich natürlich gerne weiter. Mal schauen, was das Jahr noch so bringt 🙂 LG DerMario

  2. Dieter Helbing

    Mario,
    ein super spannender und mitreißender Bericht mit tollen Bildern …. Schade hätte Euch ein wenig besseres Wetter gewünscht.
    Der Track steht auf jeden Fall auf der To Do Liste.
    Viel Spass beim Bartwustrace.
    Dieter

    1. Mario Schön

      Hey Dieter, vielen Dank für die Blumen 🙂 Tja, neben der Deutschen Bahn ist das Wetter echt immer ein Unbekannte, die es einzuplanen gilt.
      So lange man sich als Bikepacker aber in Europa befindet, ist das auch alles ganz gut mit Alternativen machbar. Den HolyGravel kann ich echt nur empfehlen! Er bietet eine tolle Abwechslung zu den Deutschen Mittelgebirgslandschaften. Ich finde den Track auf Grund der Topographie noch ein wenig anspruchsvoller, als den HanseGravel, der aber auf keinen Fall weniger Spaß macht!
      LG
      DerMario

  3. Eva

    Mario, entweder du hast einfach mal wieder super Fotos gemacht, oder die Strecke ist wirklich fahrenswert – oder beides 🙂 Danke fürs Berichten, ich hatte den HolyGravel irgendwie nur als Tagestour abgespeichert …. aber das hier macht direkt Lust auf die Strecke, wenn vielleicht auch bei etwas besseren Wetterbedingungen!

    1. Mario Schön

      Hi Eva, das freut mich sehr, wenn die Fotos ein wenig der tatsächlich sehr abwechslungsreichen Strecke wiedergeben 🙂 Der HolyGravel nimmt schon eine besondere Stellung ein: Er wird unterschätzt auf Grund der geographischen Lage und bietet dennoch einen klasse Wechsel zwischen Trails, wo man vielleicht das MTB vermisst und Passagen, auf denen es einfach rollt. Da fließen dann auch mal die Kilometer unter den Reifen.
      Ich denke schon, dass du auf dem Track auch auf deine Kosten kommen würdest, wenn du die Trailanteile ggf. einfach auf den Radwegen umfährst. Und die gibt es in Schleswig-Holstein ohne Ende. Für mich als Nordhesse ist das ein wahre Radwegeparadies, das kenne ich in diesem Maßstab überhaupt nicht! Auch die Wege zwischen den Feldern, was ausschaut wie die Panzerplatte der ehemaligen DDR-Grenze: Das können die Leute im Norden dann doch deutlich besser! Diese Wege lassen sich 1a fahren!
      LG
      DerMario

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