Die meisten unserer längeren Biketouren starten mit einer Bahnfahrt. In diesem Jahr nutzten wir die Regionalbahn, um über Göttingen unseren Startpunkt in Goslar zu erreichen. Das funktionierte problemlos, sogar mit einem Liegerad im Gepäck. Die Idee unserer Tour war, ab Goslar dem EuroVelo (EV13) bis an die Ostseeküste zu folgen. Der EV13, auch als „Iron Curton Trail“ bekannt, ist ein über 10.400 Kilometer langer europäischer Fernradweg. Im Süden am schwarzen Meer startend, führt er bis an die Barentsee im Norden. Insgesamt also eindeutig zu lang für einen „Kurzurlaub“. An der Ostseeküste angekommen, wollten wir dann ein Stück dem Küstenradweg folgen und ab Wismar südöstlich in die Mecklenburgische Seenplatte abbiegen. Das sich anschließende Havelland sollte unsere Tour abschließen.


Unser Plan
In diesem Jahr gingen wir wieder als Vierer-Team an den Start. Neben mir: Dirk, Hansi und Andreas. Und erstmals überhaupt benutzte Andreas das Liegerad fürs Bikepacking. Nicht ganz freiwillig, medizinische Gründe waren für diese Wahl verantwortlich. Deshalb hat er sich auch um die Planung der Strecke gekümmert. Wohl wissend, dass es liegend mit Gepäck bergauf nicht so flüssig läuft, wie mit dem Gravelbike. Ab dem Startpunkt in Goslar laufen die Berge des Harzes geschmeidig aus.
Wir wollten etwa 1.000 Kilometer zurücklegen und so hatte Andreas das Ende unserer Tour an den Bahnhof von Lutherstadt-Wittenberg gelegt. Am Ende dehnten wir unsere Tour sogar bis Halle a.S. aus, weil wir einfach noch Zeit hatten. Wenngleich sich Komoot für diese Etappe nicht eben mit Ruhm bekleckert hat. Die letzten 30 Kilometer ab Bitterfeld forderten der Psyche einiges ab. Okay, mit etwas mehr Mühe bei der Planung lässt sich das Stück vielleicht verschönern. Wir folgten jedenfalls mehr oder weniger dem Verlauf der B100 und das würde ich niemandem zur Nachahmung empfehlen! Wenn dann auch noch strenger Gegenwind weht, wie in unserem Falle, wird es noch spaßbefreiter. An unserem letzten Tourentag waren wir jedenfalls froh, in Halle in den Zug steigen zu können. Der brachte uns übrigens ohne Umstieg wieder bis Kassel-Wilhelmshöhe. Und das auch noch pünktlich 🙂
Mein Kilometerzähler stoppte zu Hause nach etwas über 1.100 Kilometern.

Die Mecklenburgische Seenplatte und das Havelland
Der EV13 ist prima ausgebaut. Über weite Strecken asphaltiert, es kommen aber auch Abschnitte auf Schotter – manchmal richtig grob – vor. Von Priwall aus folgten wir dann dem touristisch perfekt ausgebauten Küstenradweg (EV10/13) bis Wismar. Hier steuerten wir in südöstliche Richtung den Müritz-Nationalpark an. Durch die Mecklenburgische Seenplatte verlaufen ohnehin viel kleine und wenig befahrene Straßen. Gleiches gilt für das Havelland. Berge stellen sich hier nicht in den Weg, allenfalls mal „Hügel“, die sich aber auch mit einem bepackten Rad gut erklimmen lassen.
Die Ausrüstung
Eine häufig gestellte Frage: Was war auf der Tour eigentlich im Gepäck? Wir hatten unsere komplette Campingausrüstung dabei, um maximale Unabhängigkeit genießen zu können. Bedeutet, wir haben keinerlei Reservierungen vorgenommen und die Campingplätze für unsere Übernachtung immer erst kurz vor erreichen kontaktiert. Da wir außerhalb aller Ferien unterwegs waren, gab es nie Platz-Probleme. Allerdings: Je weiter wir nach Süden kamen, desto geringer wurde die Dichte an Campingplätzen. Besonders im Naturpark hoher Fläming (Sachsen-Anhalt) war es wirklich schwierig. In Bad Belzig wollte man uns pro Person sogar 25€ für Nutzung einer Solardusche und Komposttoilette abnehmen! Am „Weißen See“ haben wir weniger für uns alle bezahlt. Jeder von uns hatte seinen Gaskocher und ein paar Tütenmenüs dabei, um im Ernstfall nicht zu verhungern. Wir wußten dank der Vorplanung, dass nicht in allen Gegenden die Dichte von Tankstellen oder Supermärkten besonders groß ist. Auch die Wasserversorgung war ein Thema: zwei Trinkflaschen waren schon knapp bemessen. Stellenweise mussten wir bei Privatpersonen anhalten und uns die Flaschen auffüllen lassen. Was aber jedesmal sehr unterhaltsam und nett war. Die mitgeführte Regenkleidung kam in den neun Tagen nicht einmal zum Einsatz.
Die Setups unserer Gravelbikes waren sehr unterschiedlich. Ich denke aber, beim Gesamtgewicht lagen wir nicht weit auseinander.
Meine Packliste findet sich hier:
Ersatzklamotten: 1 dünnes Sommertrikot, 1 Radhose (mit anderem Sitzpolster als die am Leib)
1 Regenjacke, Regenhose, Regenüberschhuhe
Für den Abend: 1 T-Shirt, 1 dünne lange Hose, 1 Pulli, 1 Microfaserjacke (Isolation), 1 Unterhose, 1 Paar Socken, 1 Mikrofaserhandtuch, 1 Mikrofaser-Allzwecktuch, Seife, Zahnputzzeug, Mückenspray
Outdoorküche: Gaskocher, 230gr Gaskartusche, Wasserbehälter, Tasse, Titanteller, Müsli-Schale, Titan-Göffel,
Verpflegung: 9x Dr.Oetger Vitalis Porridge, 3x Adventurefood, 2x Veggie-Curry, Studentenfutter, div. Riegel,
Campingzubehör: Zelt (Durston x-Dome 1Plus), Daunenschlafsack (Cumulus LiteLine200), Isomatte (Thermarest X-lite), Kopfkissen,
Taschen am Rad: Tailfin Cargo-Pack, SeaToSummit 8L-Rolle, Cyclite Rahmentasche, Tailfin Oberrohrtasche,
„Gear-Highlites“: SON-Nabendynamo in Verbindung mit Forumslader (komplett Stromautark unterwegs), Eigenbau Lenker-Cage
Highlights auf der Strecke
Wer dem EV13 folgt, findet unterwegs viele Hinweise auf die Vergangenheit des kalten Krieges. Reste von Zaunanlagen, Wachtürme, Gedenksteine, viele Tafeln zum Nachlesen der Geschichte. Für mich ist Wismar auch immer wieder eine kleine Perle an der Ostseeküste, wo sich eine Pause oder sogar ein Wochenende zu verbringen lohnt. Zum ersten Mal war ich im Nationalpark Müritz unterwegs. Hier hätten wir uns die Kombination Fahrrad/Kanu – oder Packraft- gewünscht. Nur mit dem Rad lässt sich das landschaftliche Potenzial nicht wirklich erschließen. Gleiches gilt für das Havelland, obwohl sich hier auch viele kleine Städtchen entdecken lassen. Außerdem haben wir mit Gülpe am Gülper See den dunkelsten Ort Deutschlands kennengelernt. Hier treffen sich regelmäßig Sternengucker und -Fotografen aus aller Welt, um den Nachthimmel bei geringster „Lichtverschmutzung“ zu genießen. Der Kanu-Biwakplatz gehörte zu unseren TOP-Zeltplätzen dieser Tour.
Was bleibt?
Einen Schreckmoment erzeugte am dritten Tag die Trennung von Andreas auf dieser Tour. Am Ende unseres zweiten Tourentages zeichnete sich eine deutlich sichtbare Schwellung im Wadenbereich ab, die ihn zu einem „Plan-B“ zwang. Keine Tour ist es wert, gesundheitliche Schäden davon zu tragen und deshalb haben wir auch viel über das weitere Vorgehen beraten. Andreas‘ Entscheidung fiel dann zu Gunsten einer eigenen Tour aus, was sich auch im Nachhinein als goldrichtig herausstellte. Er steuerte über das Elbufer den nächstbesten Bahnhof zur Rückfahrt nach Kassel an. Dass er seine Tour dennoch weiter als gedacht fahren konnte, lag einfach daran, nun sein eigenes Tempo mit dem Liegerad zu fahren. Das führte einerseits zu einer schnelleren Genesung und andererseits konnte Andreas trotzdem noch ein paar Tage Radurlaub genießen. Nur eben anders als gedacht.
Die geplante Strecke war wirklich klasse! Sie hätte ebenso auch aus einem Rad-Reisebüro stammen können. Es gab ein paar Abschnitte, die aufgrund ihrer Oberflächenbeschaffenheit nicht optimal waren. Das war allerdings während der Planungsphase nicht ersichtlich. So bleibt die Erinnerung an eine meiner „gepflegtesten“ Bikepackingtouren seit langem. Wir konnten bis auf einen Abend jeden Tag eine Dusche genießen. Das war nach den aufgetragenen Schichten von Sonnencreme und Mückenschutz echt angenehm! Die Campingplätze waren prima! Sehr unangenehm war die Bekanntschaft mit den Raupen des Eichen-Prozessionsspinners. Die sorgte nämlich für juckende Pusteln am ganzen Körper und Schlafentzug! Davon halte ich zukünftig einen deutlich größeren Abstand.
Tourendaten
Wer die Tour nachfahren möchte, der kann sich bei Komoot meine original GPS-Tracks runterladen.















































































































