#gst17 Der Prolog in Berlin

GST! Die drei Buchstaben stehen als Abkürzung für Grenzsteintrophy und sie begleitet mich bereits seit ihren Anfängen in 2009. Völlig fasziniert von der Idee zur Strecke inhalierte ich damals alle Informationen, die ich dazu irgendwie finden konnte. Großen Respekt zolle ich den Finishern, die dieses Abenteuer bewältigen, egal wie schnell. Die Anforderungen, die der Track an die Fahrer stellt, kenne ich nur zu gut. Es ist nicht nur das Höhenprofil, sondern auch der oft vertretene, spezielle Untergrund des ehemaligen Kolonnenweges in Form von Lochplatten. Das ist auch mit ein Grund dafür, dass ich mich für eine Teilnahme an der GST noch nicht entscheiden wollte. Doch in diesem Jahr kam Gunnar Fehlau, der „Erfinder“ der Grenzsteintrophy, auf die Idee, einen Prolog zu fahren. In Anlehnung an die ganz großen Touren des Radsports. Zum Thema passend wählte er den Berliner Mauerweg, der das ehemalige Westberlin über eine Strecke von 160 Kilometern umrundet. 

GST-Startufstellung vor dem Brandenburger Tor


Eine starke Idee! Ganz nebenbei hatte ich mit dem Mauerweg eh noch eine offene Rechnung aus dem April, abgelenkt durch die Berliner Fahrradschau. Die Teilnahme am Prolog stand auch Gästen offen und führte somit unmittelbar zur Reise nach Berlin. Zusätzlich konnte ich aus meinem Dunstkreis der Sternenbiker Hansi, Dirk und Nobby als Begleiter begeistern. So kam es, dass wir vier am Abend des 14. Juni (ein Mittwoch) um 19.59Uhr den IC 1992 von Frankfurt nach Berlin inklusive unseren bepackten Fahrrädern in Kassel-Wilhelmshöhe bestiegen. Planmäßige Ankunft im Berliner Hauptbahnhof war für 23.05Uhr vorgesehen. Die 10 Minuten Verspätung am Ende juckten uns kaum, denn wir hatten keinen Umstieg und somit auch keine Bedenken, einen Anschlusszug zu verpassen. Die erste Übernachtung in der Hauptstadt bereitete mir in der Vorbereitung etwas Kopfzerbrechen. Eine frühere Anreise war uns nicht möglich, die Zeit zum Anfahren eines geeigneten Übernachtunsgspots dadurch überschaubar. Einmal mehr kam gerade zur rechten Zeit Facebook zu Hilfe: „cube“ (alias Thomas Strobel, der Berliner Fahrradkurier) postete den für uns rettenden Hinweis. Er hatte eine Übernachtungsmöglichkeit in unmittelbarer Nähe des Tempelhofer Flugfeldes klar gemacht, wo sich die früher Anreisenden treffen und sogar gemütlich an einem kleinen Lagerfeuer sitzend, miteinander plauschen können.

Biwak mitten in Berlin
Im Dunkel der Nacht sah das hier irgendwie anders aus 🙂

Dabei war jedem freigestellt, wie viel Luxus er in Anspruch nehmen wollte. Auch ein Zelt, bzw. Biwack war möglich. Auf Grund der guten Wetterlage nutzten wir natürlich ein Biwack unter dem freien Berliner Sternenhimmel und den Platz zwischen den kleinen Holzhütten. Der Treffpunkt für die Teilnehmer des GST-Prologs war für Donnerstag 10 Uhr am Brandenburger Tor vorgesehen. Somit hatten wir ausreichend Zeit zum Ausschlafen und einem ausgiebigen Frühstück in der Stadt. Nach einer kurzen Sightseeingtour steuerten wir zwischen den Toristenströmen hindurch das bekannte Wahrzeichen der Stadt an. Der Anfangs sehr überschaubare Haufen an Fahrern wurde mit fortschreitender Zeit immer größer. So groß, dass wir schließlich Aufmerksamkeit und die Gemüter der Hüter des Wahrzeichens erregten. Das Anlehnen von Fahrrädern an demselben ist nämlich verboten. OK, also alles Material auf dem Boden verteilen 🙂 Die Startzeremonie der GST erinnerte irgendwie an den CanyB.-Graveller. Fotos der Fahrer, der Räder und Gruppenfoto mit eigens angefertigtem Plakat. Schon klasse, ein Dank an Bernd, der auch hier seine Kreativität unter Beweis gestellt hat. So ein Plakat macht schon richtig was her. Besonders schön war, dass nicht nur Starter, sonder auch Freunde der Bikepacker-Szene vor Ort waren. Eine davon war Takeshi (alias Eva Ullrich), die sogar selbst gebackenen Kuchen für uns im Gepäck hatte. Sehr lecker, danke nochmal für die gelungene Überraschung 🙂

Um 11 Uhr starteten wir den Prolog im Uhrzeigersinn. Es dauerte nicht lange, da war Checkpoint Charlie erreicht. Mannomann, ein ziemlicher Rummel war das dort. Die Fahrt durch die Innenstadt mit der großen Gruppe war abenteuerlich und führte auch mal zu einer kurzen Trennung. Die Rolle des Guides übernahm dann der Fotograf, dessen Namen ich gar nich kenne. Jedenfalls lieferte er zahlreiche Infos an verschiedenen Spots der ehemaligen Mauer. Irgendwann waren wir dann plötzlich wieder zusammen. Uns, den Kasselern, war das Tempo eigentlich zu hoch, denn wir wollten natürlich auch etwas Sightseeing betreiben. Wir waren in der luxuriösen Situation, mit ordentlich Zeit ausgestattet zu sein. Wir wollten nach etwas mehr als der halben Strecke ein Biwak einlegen. So ließen wir dann auch das Grupetto ziehen und folgten den Spuren der ehemaligen Grenzmauer. Bedrückend waren an vielen Stellen die Hinweise auf die Opfer von Fluchtversuchen. Der Mauerweg ist zum größten Teil echt abwechslungsreich, aber es gibt natürlich auch mal langweilige Abschnitte. Als Nordhessen sind wir landschaftlich schon etwas verwöhnt. Berge, selbst Hügel, sucht man in und um Berlin vergebens. Plattes Land, so weit das Auge reicht. Wer Lust auf Brandenburger Untergrund hat, kann zwischendurch mal in den Sand rechts und links des asphaltierten Weges abtauchen. Um 18 Uhr nahmen wir die vorletzte Fähre über den Wannsee und verproviantierten uns im Edeka von Kladow für die anstehende Übernachtung. Beinah vergessen: Ein Bad im Wannsee haben wir natürlich auch noch genommen. So ganz staubig wollten wir dann doch nicht in die Schlafsäcke kriechen 🙂 Ab Kladow war es nur noch ein Katzensprung bis zur via Google anvisierten Hütte. Inzwischen rückte uns die angekündigte Gewitterfront verdächtig schnell auf den Pelz. Entsprechend enttäuscht mussten wir dann feststellen, dass wir zu viert in dem geplanten Hüttchen keinen Schutz finden würden und zogen weiter. Ein paar Optionen hatten wir noch als Plan B oder C, aber auch die entpuppten sich mehr oder weniger nur als überdachte Vespertische, oder Holzpilze mit vier Baumstümpfen unten drunter. Kurz vor Schönwalde brach langsam die Dämmerung über uns herein und wir wurden zunehmend nervöser, was unsere Übernachtung betraf. Schließlich fanden wir ein Hinweisschild auf ein Bed&Breakfast und machten uns auf dessen Suche. Dabei passierten wir eher zufällig den Garten eines Wirtshauses, in dem ein „Tipi“ aufgestellt war. Nach kurzem Zögern fragten wir in der eigentlich geschlossenen Schänke nach der Möglichkeit zum „Zelten“. Fünf Minuten Erklärung unseres Wunsches und wir zogen ein. Dass das Teil nicht wirklich regendicht war, hätte uns schon beim Einrichten einleuchten können. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wegen des ausgiebigen Regens in der Nacht, etwas klamm am Morgen, wurden wir dafür mit einem zünftigen Frühstück zum kleinen Kurs belohnt. Laut Navi waren es jetzt nur noch etwa 40 Kilometer bis zum Lückenschluss unseres Rundweges. Entsprechend entspannt ließen wir zuerst ein kleines Regenband noch durchziehen, tranken zwei Kaffee zusätzlich und starteten dann unsere Schlussetappe. Unterwegs gab’s noch einiges zum Schauen. Zum Beispiel einen ehemaligen Wachturm, der von der „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ (SDW, ähnlich wie NABU) zu einem kleinen Museum ausgebaut wurde. Echt stark, was die Leute dort ehrenamtlich und nur aus Spenden finanziert auf die Beine gestellt haben. Zwischen Frohnau und Glienicke/Nordbahn erreichten wir wieder urbanes Revier. Bei Hermsdorf fuhren wir von uns unbemerkt durch einen Torfstich, bevor wir über das Märkische Viertel wieder in die Innenstadt einrollten. Spätestens beim Mittagessen in den Hackeschen Höfen war klar, dass wir am Abend wieder in Richtung Heimat aufbrechen. Der einsetzende Regen machte die Entscheidung relativ leicht, völlig durchnässt lösten wir im Hauptbahnhof unser „Quer durchs Land Ticket“ zurück nach Kassel. Logisch, als das Wetter während der Fahrt wieder aufklarte, hätten wie aussteigen und die Fahrt mit dem Rad fortsetzen können. Echte Begeisterung weckte ein vorsichtiger Vorschlag von meiner Seite allerdings nicht. 

Nun ist auch der Berliner Mauerweg Geschichte, die noch offene Rechnung also beglichen. Viel Spaß hatten wir und ich kann mir auch vorstellen, den Weg noch einmal zu fahren. Es gibt noch so viel zu entdecken….
Zum Schluss noch mal zwei „Street-Aufnahmen“ am Brandenburger Tor

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7 Thoughts to “#gst17 Der Prolog in Berlin”

  1. Hansi

    Schön zu lesen! Hat wirklich Spaß gemacht, den Mauerweg zu erradeln! Berlin hat schon einiges zu bieten und ist immer eine Reise wert!

  2. Signe

    …wie immer top Bericht.
    Der Mauerweg steht auch noch auf meiner To“Radl“ – Liste; nur ohne den Overnighter-Part
    😉☺️

    1. Mario Schön

      👍stimmt, die 160km lassen sich auch gut durch fahren. Berge hast du keine zu befürchten ☺

  3. Thomas

    Sehr schöner Bericht. Der Berliner Mauerweg steht auch noch auf meinem Plan.
    Ist der Weg komplett beschildert, oder seid Ihr nach Garmin gefahren?

    1. Mario Schön

      Hi Thomas, danke des Lobes 🙂 Wir sind den Mauerweg in der Tat nach Garmin gefahren. Die Ausschilderung ist schon echt gut, aber manchmal übersiehst du diese auch ganz leicht. Vor allem in der Innenstadt ist das unglaublich schwierig, weil so viel Action um dich herum ist. Du bist stellenweise sehr stark auf den ganzen Verkehr konzentriert und kannst nicht parallel an jeder Ecke nach den Hinweisen schauen. Insofern ist eine Navigation am Lenker sehr hilfreich, in welcher Form auch immer. Uns hat auch erstaunt, was die Mauer für einen Verlauf hatte. Echt abenteuerlich stellenweise!

  4. Hallo Mario, wieder sehr schöne Fotos (nicht entfärbt, top :-))! Und gut erfasst, rund um Berlin ist es platt und teilweise ein wenig öde. Bis ein paar Wellen und etwas Weitsicht kommen, hat man schnell eine 150 km-Tour zusammen. Aber im Osten am Oder-Neiße-Radweg oder auch nördlich Richtung Uckermark ist es sehr fein.
    Ich bin in der Bildunterschrift gern auch Eva (statt Vera) 😉 Der neben mir ist übrigens Christoph, der zum „Unmeeting“ auf dem Brocken im September aufruft: https://awolunmeeting.wordpress.com. Lockere An- und Abfahrt von wo her und wie schnell man will. Das wäre doch vielleicht was für Euch Bikepacker?
    Danke für Deinen Bericht!

    1. Mario Schön

      Guten Morgen Eva,
      Danke für dein Feedback 🙂 Die Uckermark wäre auf jeden Fall auch noch mal spannend zu erkunden. Allerdings ist die verbale Verwandschaft zur „Altmark“ sehr eng und da habe ich schon mal ordentlich Federn (mit dem Renner) gelassen. Schnurgerade Straßen, unendlich große Felder, kaum Abwechselung fürs Auge und körperlich fix und fertig. Das ist haften geblieben!

      Den Fehler in der Bildunterschrift habe ich sofort korrigiert und um Christoph ergänzt.
      Der Hinweis zum „Unmeeting“ ist in der Tat sehr interessant. Mal schauen, wie das noch in den Terminkalender passt.
      Viele Grüße
      DerMario

      PS: zwei entfärbte Bilder habe ich dann doch hinzugefügt 😉

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